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Turbo für die Züchtung: KI-gestützte Analyse von Saatgut-Scans

Wie lässt sich der Züchtungszyklus nachhaltiger Pflanzensorten durch Technologie beschleunigen? Die NPZ Innovation GmbH stand vor der Herausforderung, Schädlingsbefall im Inneren von Ackerbohnen effizienter zu erkennen, um tolerante Sorten zu züchten, die weniger befallen werden. Gemeinsam mit KI.SH wurde in einer Machbarkeitsstudie untersucht, wie Künstliche Intelligenz (KI) die Auswertung von CT-Scans von 45 Minuten auf 180 Sekunden verkürzen kann.

Verbreitet sich mit steigenden Temperaturen auch in Schleswig-Holstein: der Ackerbohnenkäfer (Bruchus rufimanus). Foto: H. Tietgen – NPZ Innovation GmbH.

Der unsichtbare Feind im Korn: Herausforderung Ackerbohnenkäfer

Die Züchtung widerstandsfähiger Pflanzen ist ein Wettlauf gegen die Zeit und den Klimawandel. Ein konkretes Problem für Landwirte und Züchter ist der Ackerbohnenkäfer (Bruchus rufimanus). Durch wärmere Temperaturen findet dieser Schädling immer bessere Lebensbedingungen auch in Schleswig-Holstein vor. Das Tückische: Der Käfer legt seine Eier auf der Hülse ab, die Larven fressen sich ins Innere der Bohne und wachsen dort heran. Von außen ist der Schaden oft nicht sichtbar, und Pflanzenschutzmittel erreichen die Larven im Inneren der Bohne nicht.

Die Lösung der NPZ Innovation GmbH liegt in der Züchtung toleranter Sorten, die weniger anfällig für den Befall sind. Dies würde nicht nur Ernteausfälle reduzieren, sondern auch den Einsatz von Pestiziden verringern und den biologischen Landbau stärken. Doch um solche Sorten zu identifizieren, müssen Züchter zehntausende Bohnen untersuchen (bonitieren) und prüfen, ob sie befallen sind oder nicht.

Watershed-Algorithmus

Watershed-Algorithmus ist ein Bildverarbeitungsverfahren, das zusammenhängende Objekte trennt. Es behandelt Bilder wie eine Landschaft mit Höhen und Tälern und teilt sie in separate Regionen auf – ideal zur Segmentierung von berührenden oder überlappenden Objekten.

Dino-Modelle

Die DINO KI-Modelle sind selbstlernende KI-Modell für Bilderkennung. Die Modelle trainieren sich selbst, ohne dass Menschen Bilder beschriften (labeln) müssen, und erkennt automatisch wichtige Objekte und Strukturen in Bildern.

Vision Transformer

Vision Transformer ist ein KI-Modell für Bilderkennung, das Bilder in kleine Patches zerlegt und diese wie Wörter behandelt. Es nutzt Transformer-Technologie, um Beziehungen zwischen allen Bildteilen zu erkennen – effektiv für Bildklassifizierung und Objekterkennung.

Fine-Tuning

Fine-Tuning bedeutet, ein bereits trainiertes KI-Modell mit neuen, speziellen Daten nachzutrainieren. Statt von Null anzufangen, wird das vorhandene Wissen angepasst. So lernt das Modell spezifische Aufgaben schneller und genauer zu lösen.

Alwin Klick stellt einen Teil der Projektergebnisse des KI.SH-Teams vor.

Ergebnisse: Präzision in Rekordzeit

Die Performance des getesteten DINOv3-Modells übertraf die Erwartungen. Die Ergebnisse der Studie belegen die Machbarkeit, die Herausforderung der NPZ Innovation GmbH mit KI zu lösen:

Massive Zeitersparnis: Die Verarbeitungszeit für ein ganzes Scan-Volumen sank von ca. 45 Minuten auf rund 3 Minuten. Das entspricht einer Beschleunigung um den Faktor 15.
Hohe Präzision: Das Modell erreichte bei der Segmentierung der Ackerbohnen eine Genauigkeit von 98,2% und ist damit exakt wie das bisherige Verfahren.
Effizienz: Selbst bei eng aneinander liegenden oder sich berührenden Bohnen konnte die KI die einzelnen Samen zuverlässig voneinander trennen, eine entscheidende Voraussetzung für die korrekte Schadensanalyse.

Züchtung 4.0: Schneller zu toleranten Sorten

Die drastische Reduzierung der Analysezeit hat potenziell große Auswirkungen auf die Züchtungspraxis. Da ein Zuchtzyklus bis zur Marktreife einer neuen Sorte oft bis zu 10 Jahre dauert, ist jeder Zeitgewinn in der Analysephase wertvoll. Durch die schnelle Auswertung der CT-Daten können Züchter:innen nun früher erkennen, welche Sortenkandidaten tolerant gegen den Käfer sind und diese gezielt weiter züchten. Zudem kann Rechenkapazität und damit v.a. Strom eingespart werden. 

Das Verfahren ist zudem nicht auf Ackerbohnen beschränkt. In ersten Tests konnte das Modell bereits erfolgreich auf Erbsen übertragen werden, wo es eine ähnlich hohe Genauigkeit von 97,8% erzielte.

Fazit und Ausblick

Die Kooperation zeigt, wie spezialisierte KI-Lösungen konkrete Engpässe in der angewandten Forschung lösen können. Was als Problem der Bildverarbeitung begann, kann nun einen Beitrag zu nachhaltigerer Landwirtschaft und Ernährungssicherung leisten. Die NPZ Innovation GmbH plant, die gewonnenen Erkenntnisse gemeinsam mit KI.SH in einen Prototypen zu überführen und die Technologie weiterzuentwickeln. 

Fotos: Matthias Nowc

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