KI-Sprachpartner aus Niebüll: Land fördert datensouveränes Sprachlernwerkzeug mit rund 293.000 Euro
Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter übergab am 30. April 2026 dem Niebüller Start-up Simulacron GmbH einen Zuwendungsbescheid in Höhe von rund 293.000 Euro. Das geförderte Projekt entwickelt einen KI-Sprachpartner, der Sprachen direkt von Stimme zu Stimme verarbeitet und das ohne Cloud-Abhängigkeit von US-Anbietern, vollständig offline-fähig und auch für Minderheitensprachen wie Friesisch.
Sprache lernt man durch Sprechen
Wer eine neue Sprache lernen will, braucht vor allem eines: einen Gesprächspartner. Konsequente Einzelgespräche lassen sich in Schule, Unternehmen oder Alltag kaum realisieren. Genau hier setzt der KI-Sprachpartner von Simulacron an: Das System ermöglicht Lernenden rund um die Uhr authentische mündliche Konversationen per Videocall, über Computer oder Mobilgerät.
Anders als gängige KI-Sprachsysteme, die gesprochene Sprache zunächst in Text umwandeln und dann wieder zurück in Sprache, arbeitet der Simulacron-Sprachpartner direkt im Sprache-zu-Sprache-Verfahren. Paraverbale Merkmale wie Intonation, Emotionen und Aussprache bleiben so erhalten. Die Live-Demo auf Dänisch beim Termin im Nordfriesischen Innovations Center (NIC) in Niebüll überzeugte: Die Aussprache war bemerkenswert natürlich.
293.000 Euro für eine Lücke, die die großen Tech-Konzerne lassen
Der KI-Sprachpartner bietet großes Potenzial und eine echte Marktlücke, zum Beispiel bei der digitalen Unterstützung an Volkshochschulen, im Kulturbereich, aber auch in der Wirtschaft, Pflege und Verwaltung. Der technologische Ansatz von Simulacron unterscheidet sich bewusst von dem großer Anbieter. Marktführende KI-Sprachmodelle aus den USA sind auf möglichst viele Anwendungsfälle ausgelegt, Friesisch oder Dänisch gehören selten dazu. Simulacron setzt stattdessen auf spezialisierte, ressourceneffiziente KI-Modelle, die sich mit einer flexiblen Trainings-Pipeline schnell um neue Sprachen erweitern lassen. So sollen sowohl weit verbreitete Sprachen wie Französisch, Spanisch, Arabisch, Chinesisch und Japanisch als auch weniger verbreitete Sprachen wie Friesisch oder Māori verfügbar gemacht werden.
Weitere geförderte KI-Projekte finden Sie in unserer Rubrik "Aktuelles".
Datenschutz durch Design: Cloud aus Europa oder vollständig offline
Das Projekt verfolgt einen zweigleisigen Ansatz. Erstens steht eine in Europa gehostete Cloud-Lösung bereit, die europäische Datenschutzstandards nach DSGVO erfüllt. Zweitens gibt es eine vollständig offline-fähige Version, die alle Daten ausschließlich vor Ort verarbeitet, ganz ohne Internetverbindung und ohne Abhängigkeit von externen Cloud-Diensten. Diese Variante richtet sich gezielt an Organisationen mit erhöhtem Datenschutzbedarf wie Schulen, Bibliotheken, Unternehmen, aber auch Einrichtungen im Gesundheits- und Verwaltungsbereich.
Für Unternehmen, die sensible interne Kommunikation nicht an externe Cloud-Dienste übergeben wollen, eröffnet das konkrete Möglichkeiten. Die Plattform lässt sich für Corporate Trainings einsetzen, etwa um Mitarbeitende auf internationale Geschäftskommunikation vorzubereiten oder branchenspezifisches Vokabular zu trainieren.
Friesisch, Māori und mehr – Minderheitensprachen als Projektkern
Ein besonderes Merkmal des KI-Projekts ist der explizite Fokus auf regionale und Minderheitensprachen. Die Plattform wird gezielt um Sprachen wie Friesisch erweitert, um deren langfristigen Erhalt durch niedrigschwellige KI-Lernangebote zu unterstützen. Die Modellarchitektur ist so gestaltet, dass neue Sprachen ohne großen Aufwand integriert werden können.
Dirk Schrödter, Digitalisierungsminister und Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein, zeigte sich beeindruckt: „Es ist großartig, zu sehen, welcher Innovationsgeist hier an der Westküste herrscht und wie weit die Entwicklung des Projekts in kurzer Zeit fortgeschritten ist." Das System ist das Ergebnis von rund acht Monaten Arbeit zweier Gründer:innen aus der Wiedingharde in Nordfriesland.
Zwei Gründer:innen, ein klarer Entwicklungsweg
Hinter Simulacron stehen Cai Xiang (Geschäftsführerin) und Boris Böge (Software- und KI-Entwickler). Xiang bringt Erfahrung aus der Konzeption und Implementierung KI-basierter Automatisierungslösungen im HR-Bereich mit. Böge hat unter anderem KI-basierte Systeme für die Deutsche Telekom und das Fraunhofer-Institut entwickelt.
Die nächsten Entwicklungsschritte sind Datenaufbereitung und Training für Minderheitensprachen, die Optimierung der Hardware für den lokalen Einsatz sowie die Kommerzialisierung.
Fotos: Matthias Nowc – KI.SH
