Digital Humanities: 5. KI-Netzwerktreffen zeigt digitale Möglichkeiten in den Geisteswissenschaften
Wie kann Künstliche Intelligenz dabei helfen, historische Handschriften zu entziffern, Lesekompetenz zu messen oder mittelalterliche Texte zugänglich zu machen? Das KI-Netzwerktreffen von KI.SH sowie Digital Science Center und Universitätsbibliothek der Universität Kiel zeigte anhand von Fachvorträgen und einem Gallery Walk mit einem Spektrum an Projekten, wie digitale Werkzeuge und Methoden die geisteswissenschaftliche Forschung unterstützen können.
Was sind Digital Humanities? Vielfalt an Definitionen
Die Geisteswissenschaften umfassen alles, was der menschliche Geist hervorgebracht hat, von Literatur über Geschichte bis Philosophie. Digital Humanities verbinden digitale Methoden wie Text-Mining, maschinelles Lernen und KI-gestützte Forschung mit den Geisteswissenschaften. Dabei ist der Begriff „Digital Humanities“ selbst keineswegs eindeutig: In der Forschung kursieren über 300 Definitionen – ein Umstand, den die Webseite What Is Digital Humanities? auf spielerische Weise sichtbar macht.
Digitale Infrastrukturen als Fundament: Von Bibliotheken bis Forschungslaboren
Mehrere Vorträge zeigten, welche Strukturen und Services nötig sind, damit digitale Geisteswissenschaften überhaupt funktionieren können. Andreas Christ stellte die Digital Humanities Services der Universitätsbibliothek Kiel vor, die dauerhaft Beratung, Werkzeuge und Infrastruktur bereitstellen. Jan Horstmann berichtete von der digitalen Transformation der Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg, wo das Digital Humanities Lab acht Fachbereiche und 150 Professuren „digitalisiert“. Martin Semann, ebenfalls von der Universität Hamburg, präsentierte den Hub of Computing and Data Science, der Forschende aus den Geisteswissenschaften bei der Digitalisierung von z.B. Skizzenbüchern, Gästebüchern oder mittelniederdeutscher Grammatik unterstützt. Die Beispiele aus Kiel und Hamburg zeigten: Ohne verlässliche Strukturen, Beratung und technische Partner bleibt das Potenzial digitaler Methoden ungenutzt.
Unsere KI-Highlights beim Netzwerktreffen:
KI-gestützte Lesekompetenz-Diagnose
Prof. Peter John, HS Flensburg, stellte das KMU-innovativ-Projekt „LeseKind" vor, entwickelt gemeinsam mit dem Unternehmen eKidz.eu. Die Herausforderung: Lesekompetenz von Kindern ist nicht direkt messbar. Aufbauend auf dem Grundproblem, dass KI kindliche Sprache noch schwer erkennt, müssen messbare Indikatoren wie Pausen, Betonung, Sprachmelodie oder Anlaute (die ersten 100 ms eines Wortes) operationalisiert werden. "Lesekind" zielt darauf ab, diese per Supervised Learning automatisiert zu analysieren. Besondere Herausforderungen für die Zukunft sind Dialekte, Hintergrundgeräusche und die Erweiterung der Datenbasis.
Entwicklung eines Workflows für die digitale Analyse historischer Quellen: DFG-Projekt „The FLOW"
Dr. Angela Huang, Historikerin und Leiterin der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums in Lübeck, präsentierte das DFG-Projekt „The Flow". Ziel: modulare Microservices für die automatische, KI-basierte Transkription historischer Texte entwickeln. Die Services sind Open Source und nachnutzbar. Besondere Herausforderung: Die Hanserezesse (Beschlussprotokolle der Hansetage) spiegeln den Sprachwandel vom Mittelniederdeutschen zum Frühneuhochdeutschen wider, sind dezentral überliefert und nicht standardisiert. Eine passender Anwendungsfall für Künstliche Intelligenz.
Gallery Walk: Mehrere Digital-Humanities-Projekte aus unterschiedlichen Disziplinen
Beim Gallery Walk präsentierten sechs Projekte ihre Arbeit – eine Datenbank für Kolophone (Schreiberzusätze in mittelalterlichen Handschriften), ein Vorhaben zur Aufbereitung von Lehr-Lern-Materialien als Open Educational Resources, die Analyse theologischer Biographien des 18. bis 20. Jahrhunderts mit digitalen Methoden, die digitale Edition eines antiken astronomischen Werks und seiner Überlieferung, ein digitaler Workflow zur Transkription, Aufbereitung und Analyse eines Rechnungsbuch aus dem Siebenjährigen Krieg sowie die Digitalisierung und Erforschung eines historischen Fotoarchives. Der Austausch zwischen den Disziplinen zeigte: Die Verbindung von Digitalisierung, KI und Geisteswissenschaften bietet großes Potenzial für neue Forschungsmöglichkeiten und -kooperationen in Schleswig-Holstein und bundesweit.
